Adventszeit und Versorgungssicherheit: Wenn nur noch Weihnachtskerzen helfen

Adventszeit und Versorgungssicherheit: Wenn nur noch Weihnachtskerzen helfen

Am 15.Dezember bezogen wir 41 Prozent des Stroms von den deutschen Nachbarn.

Trotz tendenziellem Überfluss zur Festzeit mache ich mir im Stillen doch Sorgen um zwei absolut unverzichtbare Dienstleistungen, nämlich Wein und Strom. Doch beim Wein ist die Sorge schnell verflogen, haben wir doch noch einiges an Lager. Gut, wir haben geschworen, bis 2035 definitiv aus dem Weinkeller auszusteigen. Aber bis es so weit ist, muss laufend für Nachschub gesorgt werden. Das ist aber kein Problem, weil Wein lagerfähig ist, und zwar sowohl beim Produzenten als auch beim Konsumenten. Zudem gibt es sehr viele Bezugsquellen. Sollte eine Ernte in der Schweiz total ausfallen, können wir problemlos und erst noch günstig importieren. Ein Totalausfall weltweit ist unvorstellbar, weil sich die Anbaugebiete auf alle Kontinente verteilen, sodass auch bei lokal extremen Wetterbedingungen oder Befall mit Schädlingen immer irgendwo Reben reif werden. Dies nicht zuletzt, weil es in Chile oder Südafrika ja Sommer ist, wenn bei uns Winter herrscht. Auch die internationalen Transportwege sind vielfältig und billig.

Doch nun zum Strom, der ja in Basel nur erneuerbar sein darf, obwohl beim Flatterstrom die langen Nächte, die vielen Wolken und die trägen Inversionen zu sogenannten Dunkelflauten von mehreren Tagen oder gar Wochen führen können. Im Januar 2017 lieferte die schweizerische Sonne gerade noch 0,3 Prozent und am schwächsten Tag 0,02 Prozent unseres Verbrauchs. Auch das Flusswasser geht zurück, wenn statt Regen nur noch Schnee vom Himmel fällt. Aber wir können ja wie beim Wein die Lücke mit Importen füllen. Nur kommt kein Solarstrom aus der Sahara oder der Atacama-Wüste und kein Windstrom aus britischen Küstengebieten, sondern hauptsächlich Kohlestrom aus Deutschland und etwas Atomstrom aus Frankreich.

Im Januar 2017 erreichten diese Importe ein Drittel des Verbrauchs, und am 15.12. bezogen wir 41 Prozent von den deutschen Nachbarn. Im Gegensatz zum Wein kann Strom weder gelagert noch frei transportiert werden. Er fliesst physikalisch schon gar nicht, aber die konstante Spannung erfordert Netzwerke auf verschiedenen Ebenen. Strom kann an einer europäischen Börse gekauft werden, aber geliefert wird er nur über staatlich kontrollierte Netze. Ein weltumspannender geografischer Ausgleich zwischen Sommer und Winter oder Ausgleich von Wetterlagen ist somit im kleinen Europa beim Strom nicht möglich. Also müssen wir «speichern», wenn wir schon nicht «lagern» können. Aber Speichern bedeutet immer die physikalische Umwandlung mit Wasserpumpen, Batterien oder Gasformen (Wasserstoff, Methan). Jede Umwandlung vernichtet Energie und rechnet sich nur, wenn die Preise die Verluste und Speicherkosten übersteigen. Da der Strom anders als Wein ein homogenes Gut ist, kommt auch aus meiner Basler Steckdose das Gleiche raus wie im Exportland im Netz vorhanden ist. Zum Glück, denn sonst müssten wir uns mit Weihnachtskerzen begnügen. Vor der Abstimmung war das Argument für die Energiestrategie immer die Vermeidung der Auslandabhängigkeit. Jetzt ist plötzlich die Versorgungssicherheit nur noch dank Importen gesichert. Bis 2035 erfreue ich mich noch an meinem eigenen Weinkeller und nutze dankbar den schweizerischen Atomstrom. Prosit Neujahr!

(Dieser Beitrag erschien zuerst in der "Basler Zeitung" vom 21. Dezember 2017, S. 6.)

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De la santé en Suisse (IV et fin)
 
Gäste - Philippe Huber am 22.12.2017
In Zukunft könnten wir so sogar auch Strom von Russland importieren

Beim Wein ist das heute auch kein Problem. Attraktive Importopportunitäten sollen bei einer liberalen und offenen Gesellschaft auch genutzt werden können. Bereits heute importiert Europa viel Gas aus Russland und in den 90er Jahren hat der damalige Verband der europäischen Netzbetreiber die Möglichkeiten eines Stromverbunds mit dem riesigen russischen Netz (geht bis nach Vladivostok) untersucht. Ergebnis: technisch durchaus machbar. Wieso sollen wir uns daher in der Schweiz Sorgen über unsere Stromzukunft machen? Nosdarowja!!

Beim Wein ist das heute auch kein Problem. Attraktive Importopportunitäten sollen bei einer liberalen und offenen Gesellschaft auch genutzt werden können. Bereits heute importiert Europa viel Gas aus Russland und in den 90er Jahren hat der damalige Verband der europäischen Netzbetreiber die Möglichkeiten eines Stromverbunds mit dem riesigen russischen Netz (geht bis nach Vladivostok) untersucht. Ergebnis: technisch durchaus machbar. Wieso sollen wir uns daher in der Schweiz Sorgen über unsere Stromzukunft machen? Nosdarowja!!
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