Grenzwertiges

Grenzwertiges

Feinstaub ist gesundheitsschädlich. Also sollte man Feinstaubquellen reduzieren. Klingt vernünftig. Entlang von Verkehrsachsen und in Städten korreliert der Feinstaubanteil in der Luft mit dem Verkehrsaufkommen. Also muss man hier korrigieren. Klingt auch vernünftig. Schlecht eingestellte Motoren stossen grössere Mengen Feinstaub aus als optimal eingestellte. Die Forderung war also naheliegend Motoren bauen zu lassen, die kaum mehr Feinstaub ausstossen. Das haben die Autobauer bei den Dieselmotoren mittels höherer Verbrennungstemperaturen tatsächlich auch geschafft. Damit steigen allerdings die Stickoxid-Emissionen. Diese Norm liess sich also nur noch erfüllen solange der Diesel nicht die volle Betriebstemperatur erreicht hat. Also misst man die Stickoxide beim Start und die geringen Feinstaub Emissionswerte etwas später bei heissem Motor. Betrug? Ja. Doch wie konnte es soweit kommen?

Eine Reduktion von Schadstoffen erscheint immer sinnvoll. Problematisch wird es, wenn dies nicht mehr im Verhältnis zu den natürlichen Einflüssen und nicht mehr zusammen mit den einhergehenden Nebenwirkungen verlangt wird. Und da scheint der übergeordnete Blick verloren gegangen zu sein.

Es trifft zu, dass Verkehr Feinstaub produziert. Allerdings sind die grössten Quellen nicht etwa die Motoren, sondern vielmehr der Abrieb von Reifen und Bremsen. Dazu kommt Staub der von der Strasse aufgewirbelt wird. Das relativiert übrigens den Beitrag der ein Umstieg auf Elektrofahrzeuge leisten wird. Auch ein weiterer Ausbau des öffentlichen Verkehrs wird in diesem Falle wenig Abhilfe schaffen. Der Abrieb von Schiene und Bremsen verursacht ebenfalls grosse Mengen von Feinstaub. Die grössten Reduktionen werden im Gebäudebereich erzielt. Die Senkung des Heizbedarfs durch optimierte Gebäudesanierungen sind das eine, zeitgemässe Heizsysteme das andere. Wo Wärmepumpen nicht einsetzbar sind, bieten Gasheizungen im Haus oder per Fernwärme einen Ansatz. Hardcore Feinstaubbekämpfer müssten auf ihr Cheminee verzichten.

In der ganzen Diskussion vergessen geht der natürliche Feinstaub, wie zum Beispiel aus der Gesteinserosion, der den grössten Anteil in der Aussenluft ausmacht. Bei Südwestwindlagen wird Saharastaub manchmal sogar sichtbar. Wenig bekannt ist, dass in Deutschland der Feinstaub der Braunkohlereviere nicht in die Berechnungen einbezogen wird. Und ganz vergessen geht, dass die Feinstaub-Konzentrationen in den eigenen vier Wänden oft doppelt so hoch sind als draussen und um einiges schädlicher sein können, weil viel mehr Zeit zu Hause verbracht wird. Man könnte die Liste noch lange erweitern.

Einige werden mir nun vorwerfen, dass ich das Dieselproblem verharmlosen möchte. Nein! Es geht nur darum die Relationen zu bewahren. Es geht darum, den Massstab, worüber man diskutiert und den Blick auf die Grössenordnungen nicht zu verlieren. Es ist so einfach auf betrügende Motorenbauer zu zeigen, um sich dann als Umweltschützer feiern zu lassen. Der Tiefpunkt ist erreicht, wenn Richter darüber befinden müssen, wer an der Misere schuld sein soll. Dann kann man nämlich sicher sein, dass die Abwägung zwischen der effektiven Wirkung natürlicher und menschenverursachter Belastungen gar keine Rolle mehr spielt. Vielmehr wird nur noch um politisch ausgehandelte Grenzwerte und Paragraphen gestritten.

Wenn das Urteil dann wunschgemäss rausgekommen ist, kann man sich zu Hause wohlig zurücklehnen und zur Feier eine Kerze anzünden. Dass der Grenzwert damit gleich um ein Vielfaches überschiesst, spielt auch keine Rolle mehr.

publiziert in der Basler Zeitung vom 23. März 2018

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