Sears-Bankrott: Wo steht die Migros?

Sears-Bankrott: Wo steht die Migros?

Gross, breit aufgestellt, beliebt und als Genossenschaft für alle offen: Die Migros sieht stabil aus, aber im Innern knirscht es.

Die traditionsreiche, von einem Finanzhai übernommene und überschuldete amerikanische Verteilerkette Sears scheint am Ende zu sein und muss gemäss Paragraf 11 Schutz vor dem Konkurs suchen und versuchen, sich zu restrukturieren und zu redimensionieren. Unsere Migros ist demgegenüber nicht nur das beliebteste Unternehmen in der Schweiz, sondern auch – allerdings selbsternannt – der nachhaltigste Grossverteiler der Welt, der 2017 allein für sein Solardach in Neuendorf mit 1,7 Millionen Franken KEV-Subventionen belohnt wurde.

Ist es vorstellbar, dass in zehn bis zwanzig Jahren auch unsere Migros am Abgrund steht? Aus ökonomischer Perspektive ist das nicht so unwahrscheinlich, wie viele Leute glauben. Aus folgenden Gründen:

  1. Die Migros ist im Food-Sektor fast ausschliesslich im stark abgeschotteten Schweizer Markt tätig und profitiert vom extremen Agrar- und Grenzschutz mit hohen Margen eher mehr als die Bauern. Diese Regeln sind aber nicht in Stein gemeisselt, und Liberalisierungen im Agrarbereich sind immer mit Druck auf die Margen der nachgelagerten Branchen verbunden. Die Bauern sollten sich darüber im Klaren sein und liberaler politisieren, indem sie Exportchancen gegen Migros-Abhängigkeiten abwägen. Zudem fördert die Digitalisierung die Internationalisierung des Direktvertriebs im Non-Food-Bereich immer stärker. Es verwundert daher auch nicht, dass die Migros im Gegensatz etwa zu Walmart oder Lidl nie im Ausland richtig Fuss fassen konnte.
  2. Die Migros ist ein wohl einmaliges Konglomerat mit vertikaler Integration und horizontaler Streuung in Banken, Versicherungen, Tankstellen, Fitness-, Gesundheits- und Bildungszentren, Reisebüros, Restaurants bis hin zu anderen Grossverteilern wie Globus und Denner sowie über siebzig Produktionsbetrieben in den verschiedensten Sparten. Immer wenn ich die Struktur von der Migros meinen amerikanischen Kollegen aus dem Bereich der Finanz- und Wettbewerbstheorie vorlege, schütteln diese verständnislos den Kopf. Der Trend geht bei Konzernen gänzlich in die gegenteilige Richtung der Spezialisierung auf ein oder mehrere Betätigungsfelder mit einheitlichen Technologien, Kundensegmenten oder Absatzkanälen. Konglomerate können nicht von Synergien profitieren, sondern leiden unter Interessenkonflikten oder gar Quersubventionierungen, die mit der Zeit selbst die stärksten Sparten schwächen. Konglomerate sind die Dinosaurier der modernen und globalisierten Wirtschaft. Auch eine starke Marke wie Migros wird mit der Zeit unter dieser Verzettelung leiden.
  3. Erklärbar werden die beiden ersten Schwächen wohl nur durch die genossenschaftliche Struktur oder die Eigentumsverhältnisse: Die Migros gehört ja uns allen und präsentiert stolz zwei Millionen Eigentümer, die allerdings ohne echte Mitwirkungsrechte sind. Das hat vor allem psychologische und politische Vorteile, weil die Migros geltend machen kann, nur den Kunden oder immer stärker der Rettung der Welt vor der Klimakatastrophe zu dienen und nicht nach der Pfeife der geldversessenen Kapitalisten zu tanzen.

Nur macht sich, wie bei Raiffeisen kürzlich zu sehen war, eine fehlende Finanzkontrolle durch Aktionäre und Kapitalmärkte mit zunehmender Grösse und zunehmendem Alter immer mehr negativ bemerkbar. Diese internen und externen Finanzkräfte hätten die Migros längstens entschlackt und verschlankt. Ihr Fehlen lässt das Management allmächtig werden und zementiert so auch «verrückte» Strukturen. Grossgenossenschaften sind in gewisser Hinsicht stabiler als Aktiengesellschaften am Kapitalmarkt. Nur: Wenn sie einmal ins Schleudern kommen, sei es wegen selbstherrlicher Manager oder falscher Marktaufstellung, dann werden Korrekturen extrem schwierig. Das Beispiel General Electric belegt in aller Deutlichkeit, wie schier unmöglich der geordnete Rückzug selbst für ein kapitalmarktfähiges Konglomerat wird, wenn der Zerfall in Einzelteile eingesetzt hat und die Kontrolle verlorengegangen ist.

Dieser Beitrag ist in der „Weltwoche" vom 8. November 2018 erschienen.

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