Stürmische Zeiten?

Stürmische Zeiten?

Die Nachrichten überschlagen sich mit Winterstürmen rund um die Welt. Dramatische Bilder zeigen meterhohe Schneemauern bei uns wie auch in Nordamerika. Eingefrorene Thermometer in Sibirien vermitteln das Bild extremer Kälte. Bei unseren nördlichen Nachbarn dominieren Bilder von entwurzelten Bäumen, von umgekippten Sattelschleppern, wegfliegenden Dächern und Velofahrern, die wie Herbstblätter über die Strassen wirbeln. Spielt das Wetter verrückt, oder haben wir nur eine immer verletzlichere Infrastruktur, eine immer bessere Kameraüberwachung, immer besser vernetzte Nachrichtendienste oder schlicht keine anderen süffigen Themen mehr, als über Wetter zu berichten?
Vorgängig zum aktuellen Forum hat das WEF seinen jährlichen Global Risk Report publiziert, ein Bericht zur Einschätzung der grössten Risiken der Welt. Er dient unter anderem zur Agenda- setzung in Davos. Dabei haben es drei Umweltthemen an die Spitze der dreissig grössten Menschheitsrisiken geschafft. Zuoberst stehen extreme Wetterereignisse, gefolgt von Naturkatastrophen wie zum Beispiel Erdbeben und als Drittes das Scheitern der Anstrengungen zum Klimaschutz.
Zunächst ist die subtile Verschiebung der Aufmerksamkeit von Klimawandel zu extremen Wetterereignissen zu beachten. Bei dem dramatischen Wettergeschehen, das meist mit massiven Temperaturstürzen innerhalb von Stunden einhergeht, können langfristige und erst noch nur statistisch zu ermittelnde Temperaturveränderungen im Zehntelgradbereich ein katastrophenaffines Publikum nicht mehr aufrütteln.
Die Veränderung der Terminologie zeigt aber auch auf, dass eine überfällige Korrektur des Hauptmotivs zur Abkehr von fossilen Energieträgern stattfindet. Die Drohung eines Klimakollapses scheint irgendwie nicht mehr zu wirken. Nachdem es bald dem Letzten klar sein dürfte, dass selbst beim vollständigen Umsetzen der in Paris beschlossenen Massnahmen eine Klimaerwärmung nicht zu steuern ist und selbst der energiepolitische Musterknabe Deutschland das Erreichen der Klimaziele aufs Eis gelegt hat, braucht es dringend neue Motive, um die ein- geläuteten Energiewenden zu rechtfertigen. Ich kritisiere seit Langem, dass die simple Fokussierung auf CO2-Reduktion Gefahr läuft, zu einer Materialschlacht auf Kosten anderer Ressourcen zu verkommen.
Bei den jüngsten Winterstürmen wird mal wieder klar, dass die Suche von Schutz vor Wetter und Klima so alt ist wie die Menschheit. Entsprechend bauen wir unsere Häuser in jeder Klimazone der Erde angepasst an die lokalen Verhältnisse. Dass man dies möglichst energie- und ressourcenschonend macht, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. An der kürzlich abgehaltenen Messe Swissbau hatte man allerdings nicht den Eindruck, dass diesem selbstverständlichen Grundsatz konsequent nachgelebt wird. Was dort an energiesparenden Massnahmen angeboten wurde, verlangt oft nach Geräten und Technologien, die alleine in Herstellung, Unterhalt und Entsorgung so viel Ressourcen verbrauchen, dass die direkt erzielte Einsparung gleich wieder zunichtegemacht, wenn nicht sogar ins Gegenteil verkehrt wird.
Wir dürfen uns glücklich schätzen, wenn Klima und Wetter effektiv unsere grössten Sorgen sein sollten. Es ist schwer zu hoffen, dass die anderen fünfundzwanzig Risiken des WEF-Berichts, die nichts mit Umweltphänomenen, sondern mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geopolitischen Fragen zu tun haben, von den Teilnehmern in Davos höher gewichtet werden. Wirklich stürmische Zeiten haben selten mit dem Wetter zu tun.

publiziert in der Basler Zeitung vom 26. Januar 2018

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