Appell an Rentner und Rentnerinnen

Appell an Rentner und Rentnerinnen

Agenda, S. 17, 1. September 2017

Am 24. September stimmen wir über die Altersvorsorge 2020 ab. Es ist eine für die Zukunft wegweisende Entscheidung, und wir Rentner sind für das Ergebnis kritisch. Ich gehe davon aus, dass uns Alten die zentralen Punkte klar sind, und begründe, warum ein Ja dank unserer Generation verheerend wäre.

Primärer Profiteur ist die Altersgruppe zwischen 45 und 65, die eine Zusatzrente von 860 Franken pro Person und Jahr bei der AHV und eine Garantie des nach wie vor zu hohen Umwandlungssatzes zugestanden erhält. Verlierer auf allen Ebenen sind die unter 45-Jährigen, also unsere Enkel, die wir vor dem (relativ) harmlosen CO₂ schützen wollen, aber in der Alterssicherung und im Gesundheitswesen in ein dreistelliges Milliarden-Loch verdammen. Für einmal appelliere ich nicht nur an die Vernunft, sondern auch an die Moral: Unsere Generation wird in die Geschichte als grösste Wohlstandsgewinnerin aller Zeiten eingehen. Jetzt dürfen doch nicht ausgerechnet wir, als Zünglein an der Waage, der übernächsten Generation einen erdrückenden Schuldenberg aufbürden.

Oberflächlich betrachtet, kommen wir bei der Altersvorsorge AV 2020 einigermassen gut weg. Die Renten bleiben unangetastet, und die höhere Mehrwertsteuer trifft uns nicht so hart. Aber aufgepasst: Die Schaffung von zwei Rentnergruppen mit einer Benachteiligung der Altrentner widerspricht der Gleichbehandlung und dem Ziel der Existenzsicherung in der AHV. Und weil die zweite Säule weiterhin auch mit dem reduzierten Umwandlungssatz nicht garantiert werden kann, könnte sich diese Kompensation zugunsten von Neurentnern in der Zukunft wiederholen. Zudem wird die Rentenerhöhung von 840 Franken pro Jahr in zehn Jahren eine Milliarde Zusatzausgaben verursachen und die AHV noch schneller in den Ruin treiben. Die Angleichung des Rentenalters für Frauen an das der Männer ist kein Frauenopfer, ganz im Gegenteil. Als die AHV eingeführt wurde, war das Alter 65 für beide selbstverständlich. Die Reduktion zugunsten der Frauen mir höherer Lebenserwartung fand erst in einer Phase der Wachstumseuphorie bei steigendem AHV-Fonds statt. Diese Angleichung wird auch bei einem NEIN unumgänglich, genauso wie eine wie auch immer geartete Erhöhung des Rentenalters für alle angesichts der demografischen Entwicklung. Also: Auch die Grossmütter können ohne schlechtes Gewissen Nein stimmen.

Schon heute arbeiten ja immer mehr freiwillig über das AHV-Alter hinaus. Aber jetzt kommt der Clou: Per Zufall bin ich darauf gestossen, dass Rentner bei Annahme der AV 2020 zusätzlich zur Kasse gebeten oder besser gezwungen werden. Ich rede von denen, die wie ich nach der Pensionierung weiterarbeiten und das erzielte Einkommen wie die Renten voll versteuern.

Aktuell sind wir bis zu einem Freibetrag von 16 800 Franken pro Jahr von AHV-Beiträgen verschont, was auch ohne Limite richtig ist, weil AHV-Beiträge von Rentnern ja reine Strafsteuern sind. Alle Rentner über 70, die weiterhin eigenverantwortlich erwerbstätig bleiben wollen, würden 10 Prozent des jetzigen Freibetrags, also etwa das Doppelte dessen verlieren, was Neurentner aus der Giesskanne zusätzlich erhielten. Auch wenn zwischen 65 und 70 die Beiträge neu rentenbildend würden, müssten arbeitende Rentner insgesamt etwa 130 Millionen Franken pro Jahr neu als «Busse» zahlen.

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Hans Rentsch am 08.09.2017
Wer gewinnt, wer verliert?

Die Rechenspiele um Gewinner und Verlierer sind typisch für eine alte, in zahllose politische Interessen aufgesplitterte Demokratie wie die schweizerische. Die direkten Volksrechte akzentuieren das Problem. Der Blick für das grosse Ganze einer Reform geht verloren. Statt dass das Stimmvolk hinter einem "Schleier der Unwissenheit" über Gewinner und Verlierer das ökonomisch Vernünftige und Nachhaltige befinden kann wie zum Beispiel damals bei der Schuldenbremse, rechnet man den Leuten genau vor, was einzelne betroffene Gruppen zu gewinnen oder zu verlieren haben. Die abstruseste Rechnerei nach verschiedensten Gewinner- und Opfergruppen leistete sich kürzlich die NZZ.. Da wurde auf den Franken genau berechnet, wer über künftige Jahrzehnte bis zum Rentenalter bzw. bis zum Abtritt nach durchschnittlicher Lebenserwartung wieviel mehr oder weniger einzahlt oder erhält. Wie wenn es in der Zwischenzeit keine erneuten "Reformen" nach dem Prinzip "Durchwursteln" geben würde. Das ist nämlich zwingend notwendig, weil die zur Abstimmung gelangende AV2020 weder das Grundproblem der enormen impliziten Verschuldung der AHV löst noch die systemwidrige Umverteilung von Jung zu Alt in der Zweiten Säule beseitigt.

Die Rechenspiele um Gewinner und Verlierer sind typisch für eine alte, in zahllose politische Interessen aufgesplitterte Demokratie wie die schweizerische. Die direkten Volksrechte akzentuieren das Problem. Der Blick für das grosse Ganze einer Reform geht verloren. Statt dass das Stimmvolk hinter einem "Schleier der Unwissenheit" über Gewinner und Verlierer das ökonomisch Vernünftige und Nachhaltige befinden kann wie zum Beispiel damals bei der Schuldenbremse, rechnet man den Leuten genau vor, was einzelne betroffene Gruppen zu gewinnen oder zu verlieren haben. Die abstruseste Rechnerei nach verschiedensten Gewinner- und Opfergruppen leistete sich kürzlich die NZZ.. Da wurde auf den Franken genau berechnet, wer über künftige Jahrzehnte bis zum Rentenalter bzw. bis zum Abtritt nach durchschnittlicher Lebenserwartung wieviel mehr oder weniger einzahlt oder erhält. Wie wenn es in der Zwischenzeit keine erneuten "Reformen" nach dem Prinzip "Durchwursteln" geben würde. Das ist nämlich zwingend notwendig, weil die zur Abstimmung gelangende AV2020 weder das Grundproblem der enormen impliziten Verschuldung der AHV löst noch die systemwidrige Umverteilung von Jung zu Alt in der Zweiten Säule beseitigt.
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