Eiserne und windige Gesetze

Eiserne und windige Gesetze

Physikalische Gesetze zeichnen sich durch ihre Kürze und ihre leicht prüfbare Gültigkeit aus. Im Gegensatz dazu sind politische Gesetze ein Amalgam aus Disput und Konsens und sind kaum objektiv überprüfbar. Das sagt eigentlich schon alles über deren Qualität.
Nehmen wir mal ein Beispiel aus der Mechanik: «Kraft gleich Masse mal Beschleunigung». Kürzer gehts nicht. Und trotzdem steht hier schon fast alles drin, was man über Mobilität wissen muss. Da steht nämlich, dass schwere Autos mehr Energie verbrauchen als leichte. Etwas das kaum je erwähnt wird. Wenn wir also effizienter Auto fahren sollen, müssten diese einfach leichter sein. Da haben Elektroautos mit ihren schweren Batterien ein Problem. Trotzdem haben sie eine Zukunft. Sie setzen die gespeicherte Energie effizienter um als ein Benzinmotor. Und sie können Bremsenergie zum Teil wieder zurückgewinnen. Beim Benziner geht das als Wärme verloren. Die physikalischen Gesetze der Thermodynamik dazu möchte ich Ihnen aber ersparen. Nicht ersparen kann ich Ihnen aber den Umstand, dass der Strom für die Batterien irgendwo produziert werden muss. Wenn der aus Kohlekraftwerken kommt, verlegt man nur den Auspuff vom Auto zum Kraftwerk und das erst noch mit einer schlechteren Ökobilanz. Sauberer wäre es, wenn der Strom vom Dach oder der Windturbine kommt, wie ja gefordert wird. Leider steht dieser Strom dann aber für nichts anderes mehr zur Verfügung. Eine wenig beachtete Studie des Paul Scherrer Instituts rechnet vor, dass es für eine Elektrifizierung des Strassenverkehrs 12 bis 25 TWh Energie braucht. Das ist mehr als alle neuen Erneuerbaren bei erfolgreichster Umsetzung des Energiegesetzes produzieren würden. Doch wie bereits gesagt, dieser Strom stünde dann für nichts anderes mehr zu Verfügung. Also weder für die Wärmepumpe, den Backofen oder das Licht, geschweige denn für irgendwelche Maschinen in Werkstätten und der Industrie. Dieser Strom müsste immer noch von den bisherigen Kraftwerken kommen, die es dann aber nicht mehr gibt.
Diese grobe Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit wird von Ideologen kunstvoll verwedelt. Leider wird in der Politik Ideologen mehr Gehör geschenkt als Fachleuten. Und am Schluss wird dann von Politikern – und wiederum nicht von Fachleuten – an der Gesetzesvorlage herumgebastelt, um die gröbsten Böcke auszumerzen oder noch besser zu seinen eigenen Gunsten umzudrehen. Und so kommt es zu unappetitlichen Gesetzesmonstern wie dem vorliegenden Energiegesetz.
Dass wir unsere Zukunft mit nachhaltigen Energieressourcen gestalten müssen, steht ausser Diskussion. Wirkliche Fortschritte zu machen ist allerdings mühsame Arbeit, die mit sehr viel Denkarbeit, Versuchen und Rückschlägen verbunden ist. Fortschritt lässt sich nicht verordnen, schon gar nicht mit einschränkenden Verboten. Erfindungen müssen sich dann auch noch durchsetzen. Wenn sie gut sind setzen sie sich von selbst durch. Die nicht so guten überleben eine Zeit lang mit Subventionen und sterben dann einfach später, wenn das Geld nutzlos verbraten ist.
Politische Gesetze haben eine beschränkte Lebensdauer, physikalische sind dauerhaft. Man ist geneigt zu folgern, dass die Gültigkeit eines Gesetzes in inversem Verhältnis zu seiner Länge steht. Sechsundvierzig Seiten für ein Energiegesetz, verglichen mit einer physikalischen Wahrheit, die mit einer einzigen Zeile formuliert ist, spricht Bände.
Wir werden unsere Energie auch nach der Abstimmung vom Sonntag weiterhin nach den Gesetzen der Physik produzieren und konsumieren. Das soll eine Ermahnung für die Gewinner und ein Trost für die Verlierer sein, wie auch immer zum 46-seitigen Energiegesetz entschieden wird.

publiziert in der Basler Zeitung vom 19. Mai 2017

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