Klimatreiber China

Klimatreiber China

Die NZZ-Studienreise von Peking über fünf weitere Millionen-Städte nach Shanghai, zeigte eindrücklich, in welch atemberaubendem Tempo China sich laufend erneuert. Überall wird in gigantischem Ausmass gebaut: ganze Metrosysteme, neue Strassen, Flughäfen, Kraftwerke, Windräder und vor allem Wohntürme in den Städten. Diese einzigartige Prosperitätsentwicklung ermöglichte China, seit den 1980er Jahren Hunderte von Millionen Menschen aus bitterster Armut zu befreien. Dadurch war das Land zum grössten Teil auch mitverantwortlich dafür, dass das wichtigste Millenniums-Ziel der Uno – die Halbierung der Anzahl von Menschen, die von Armut und Hunger geplagt sind – überhaupt erreicht wurde, und dies erst noch früher als geplant. Eine derartige Erfolgsgeschichte hinterlässt aber zwangsläufig auch problematische Nebenwirkungen. Hier war das beim Energieverbrauch der Fall. In den letzten fünfzig Jahren ist dieser weltweit stetig gestiegen, zwischen 2000 und 2010 allerdings doppelt so stark als in den drei Dekaden zuvor - und dies praktisch ausschliesslich wegen China, das seinen Verbrauch um ganze 250 Prozent steigerte: Das ist mehr als die Hälfte des gesamten weltweiten Mehrverbrauchs - oder das 27-Fache dessen, was in ganz Europa in dieser Zeit zusätzlich konsumiert wurde.

Eine Klimapolitik, die sich an der Realität messen will, kommt an China nicht vorbei.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf das Klima wurden noch zusätzlich verschärft, weil der chinesische Mehrverbrauch zu 70 Prozent aus Kohle bestand, dem billigsten Energieträger, der im Land reichlich zur Verfügung steht. Da Kohleverbrennung die Atmosphäre aber am stärksten belastet, wuchs der weltweite CO2-Ausstoss in diesem Jahrzehnt überproportional an. China überholte 2007 die USA als grössten CO2-Emittenten, und ist seither mit einem Anteil von knapp dreissig Prozent unangefochten an der Weltspitze. Weil aber auch die Luftverschmutzung im Land selber stark zunahm, musste China reagieren: Seit 2013 sinkt der Kohleanteil im Gesamtenergiemix, neue Kernkraftwerke und Staudämme werden gebaut, und auch bei der Wind- und Solarstromerzeugung steht das Land nach wenigen Jahren weltweit an der Spitze. So gelang es, die vorher rasch steigenden CO2-Emissionen vorerst zu stabilisieren, seit zwei Jahren steigen sie allerdings wieder. So erlebten wir denn auch auf unserer Reise keinen Smog und die Luftverhältnisse schienen wie bei uns zu sein.

Der «Energiehunger» Chinas – Grundlage für die Armutsbekämpfung und Wohlstandsvermehrung sowie den neu aufkommenden Umweltschutz – bleibt aber weiterhin gross: Trotz leicht abgeschwächtem Wachstum wird der Weltverbrauch auch in der bald zu Ende gehenden Dekade dieses Jahrhunderts weiter von China dominiert sein. Und weil der chinesische Energiemix trotz allen Bemühungen immer noch zu 85 Prozent aus fossiler Energie besteht, ist auf längere Sicht noch keine substantielle Dekarbonisierung in Sicht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich mit Indien das andere ostasiatische Milliarden-Land langsam auf einen ähnlichen Weg begibt wie China. Und dies mit grossem Aufholbedarf: Indien verbraucht heute bei gleicher Bevölkerungsgrösse erst ein Viertel der Energie von China, jedoch mit 92 Prozent fossilem Anteil.

Auch wenn China als Klimatreiber ohne Zweifel noch einige Zeit die Hauptrolle spielen wird, ist es dennoch ein Beispiel dafür, dass erst nach Erreichen eines gewissen Wohlstandsniveaus genügend Mittel für wirksame Umweltmassnahmen vorhanden sind. Auf jeden Fall entscheidet sich die Energiepolitik in den nächsten Jahrzehnten immer stärker im ostasiatischen Raum. Da erscheint die jüngst an einer NZZ-Konferenz vom bekannten Klimaforscher Thomas Stocker formulierte Forderung des Weltklimarates, bis in dreizehn Jahren vollständig fossilfrei zu werden, um das gesetzte Ziel von 1.5° Celsius zu erreichen, reichlich illusorisch. Aber auch die Schweizer Politik sollte die Massstäbe, die durch China gesetzt werden, nicht aus den Augen verlieren: Nur so ist eine realistische Klimapolitik möglich.

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Dieser Beitrag wurde auch in der NZZ vom 26. November 2019 sowie im Blog des Autors veröffentlicht.

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